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2. Konferenz Bahntechnik für Schleswig-Holstein in Kiel: Enge Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft soll die Bahntechnik im Land in die Zukunft führen

Die Bahn galt im 19. Jahrhundert als das große Symbol für den Aufbruch – und als Katalysator für die industrielle Revolution. Heute kommt der Bahn wieder eine große Bedeutung zu: Sie könnte das Reise- und Logistikmittel zur Klimarettung werden.

Bei der 2. Konferenz Bahntechnik – Perspektiven der Bahntechnik in Schleswig-Holstein kamen am vergangenen Donnerstag rund 150 Akteure der Bahntechnik zusammen – Unternehmer*innen, Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen öffentlicher Institutionen – um darüber zu diskutieren, wie die Bahntechnik in Schleswig-Holstein von aktuellen Marktentwicklungen profitieren kann. Mögliche Lösungsansätze finden sich in der noch engeren Vernetzung von Wirtschaft und Hochschulen, in der Investition in den Gleisausbau und im Einsatz digitaler Instrumente wie der künstlichen Intelligenz und der Sensortechnik. Veranstaltet hat die Kieler Wirtschaftsförderung (KiWi) die 2. Konferenz Bahntechnik zusammen mit dem Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus Landes, der IHK zu Kiel, der Fachhochschule Kiel und dem Beirat Bahntechnik des Landes Schleswig-Holstein.

Wirtschafts- und Verkehrsminister Dr. Bernd Buchholz brachte bei der Eröffnung der Konferenz zum Ausdruck, dass Schleswig-Holstein schon jetzt ein hervorragender Bahntechnik-Standort sei. Er sei aber dennoch überzeugt, dass die Branche ihr Innovationspotenzial über die engere Zusammenarbeit von Industrie und Hochschulen noch massiv steigern könne: „Sei es für mehr Reisekomfort durch bessere Fahrzeuge, durch bessere Fahrgastinformationen oder für klimafreundliche Antriebsformen durch Batterien oder grünen Wasserstoff“, so der Minister.

Der Kieler Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer betonte in seinem Grußwort vor allem die große Dynamik, die aktuell in der Landeshauptstadt stattfindet: Neben den Werften sei die Bahntechnik hier besonders stark aufgestellt. Der politische Rückenwind sei durch die Anforderungen an Klimaschutzmaßnahmen so hoch wie nie zuvor. „In unserer Landeshauptstadt konzentriert sich das geballte Bahntechnik-Know-how. An den Hochschulen und den Regionalen Bildungszentren sowie vor allem in den kleinen und großen Unternehmen der Branche entstehen technologische Innovationen. Diese Konzentration von Wissen und Wertschöpfung macht Kiel zu einem der führenden Bahntechnik-Standorte in Europa“, so Kämpfer. Und auch wenn Kiel den erst so aussichtsreichen Wettlauf um die Fertigung von 100 Hybridlokomotiven und damit die Ansiedlung der Produktionswerke von Toshiba verloren hat, zeigt Kämpfer sich positiv: Kiel ist und bleibt der Standort für die Entwicklung der innovativen Hybridlokomotive. Und ob Kiel zu einem späteren Zeitpunkt und für neue Aufträge nicht doch noch einmal für die Produktion ins Gespräch kommt, werde sich zeigen.

Auch IHK-Präsident Klaus-Hinrich Vater ging in seinem Grußwort noch einmal auf die steigende Rolle der Ökobilanz ein und verwies darauf, wie wichtig die Sichtbarkeit und die Gewinnung von Fachkräften für den Standort seien. Tim Hildebrandt, Vorsitzender des Beirats Bahntechnik Schleswig-Holstein, freute sich über die Dynamik am Standort und die Arbeit des im Jahr 2019 neu gegründeten Beirats. Im Beirat Bahntechnik haben sich verschiedene Unternehmen der Branche zusammengeschlossen, um Kooperationen und Innovationen voranzubringen. Die Geschäftsführung besteht aus Vertretern des Wirtschaftsministeriums, der Kieler Wirtschaftsförderung, der IHK zu Kiel und der Fachhochschule Kiel.

Vier Experten der Bahntechnik teilten ihr Wissen am Donnerstag in Vorträgen mit den Teilnehmern. Wie die Zukunft der Technik bei der Deutschen Bahn aussieht, erklärte Peter Lang, CTO des Deutsche Bahn-Konzerns und Vorsitzender der Geschäftsführung bei der DB Systemtechnik GmbH. Die Deutsche Bahn setze auf ein hochintelligentes Mobilitätsnetzwerk, unterstützt durch Digitalisierung, Automatisierung und zuverlässige, umweltfreundliche Technik. Den Vortrag finden Sie hier als Download zum Nachlesen - und dazu ebenso die Ergänzungen des Dozenten zu den Vortragsfolien.

„Digitale Schiene und Trends der Bahntechnik in Deutschland“ – Axel Schuppe, Geschäftsführer des Verbands der Bahnindustrie in Deutschland e.V., machte in seinem Vortrag deutlich, dass Globalisierung, Digitalisierung und Klimaschutz aktuell die drei wichtigsten Trends in der Bahntechnik sind. Ziel der Bahn ist es, durch digitale Projekte wie das der „digitalen Schiene“ die Kapazitäten zu erweitern, die Pünktlichkeit zu steigern und mehr Menschen von Straße und Flugzeug auf die Schiene zu bringen. Den Vortrag finden Sie hier als Download zum Nachlesen.

Rund 150.000 Fahrgäste hat NAH.SH im Norden pro Tag. Bernhard Wewers, Geschäftsführer der NAH.SH GmbH, legte den Fokus seines Vortrags bei der 2. Konferenz Bahntechnik vor allem auf Mobilität und auf Kundenzufriedenheit. Die Herausforderungen: die Verbesserung der Qualität durch Optimierung der Fahrgastinformation, der Ausbau von Angeboten und Infrastruktur und die Sicherstellung der Finanzierung. Lösungsansätze und alle Vortragsinformationen finden Sie hier zum Download.

Einen Überblick über die Anknüpfungsmöglichkeiten für die Bahntechnikunternehmen zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Schleswig-Holstein gab Prof. Dr.-Ing. Klaus Lebert, Vizepräsident der Fachhochschule Kiel. Mögliche Fachgebiete sind neben Speichertechnologien und alternativen Antrieben auch Industriedesign oder Big Data. Die Präsentation finden Sie hier zum Download.

Am Nachmittag teilten sich die Teilnehmer der Konferenz Bahntechnik auf drei parallel stattfindende Diskussionsrunden auf. Lebhaft diskutiert wurde über die Themen: „Digitalisierung & Infrastruktur“, „Moderne Antriebstechnologien“ und „Kundenkommunikation“.

Die Diskussionsrunde „Digitalisierung und Infrastruktur“ leiteten Axel Schuppe (Verband der Deutschen Bahnindustrie in Deutschland e.V.) und Johannes Hartwig aus dem Wirtschaftsministerium. Man sprach in der Runde über die Möglichkeit von „Zügen on demand“. Ein weiteres Thema war die Auswirkung der Digitalisierung auf viele verschiedene Teilbereiche, wie beispielsweise auf das Personal, auf Trassenzeiten oder die Gesamtsteuerung von Systemen. Die Runde schlussfolgerte, dass die Digitalisierung dem Gesamtsystem dienlich sein müsse. Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von Digitalisierungsmaßnahmen sei allerdings – gerade wegen der Erwartung einer künftigen zusätzlichen Auslastung – zunächst die Investition in den Ausbau der Infrastruktur. Außerdem wurde über eine Zuwegung der Schiene hin zu den Fähranbindungen diskutiert. Laden Sie hier das Protokoll zur Diskussionsrunde „Digitalisierung und Infrastruktur" herunter.

Tim Hildebrandt (Beirat Bahntechnik S-H) und Dr. Andreas Borchardt (FH Kiel) moderierten die Diskussionsrunde „Moderne Antriebstechnologien“. Deutschlandweit sind 60% des gesamten Schienennetzes elektrifiziert, in Schleswig-Holstein sind es nur 27%. Gerade im Nahverkehr werden daher vielfach Diesellokomotiven eingesetzt, die es aus klimapolitischen Gründen zu ersetzen gilt. Gemäß einer Studie des VDV ist die Suche nach Alternativen für den Antrieb von Lokomotiven sehr facettenreich. Teil fast jeder guten Lösungsidee jedoch ist der Elektromotor – umweltschonend, robust, geräuscharm. In der Runde wurde diskutiert, wo in Schleswig-Holstein die Kernkompetenzen in der Versorgung mit erneuerbaren Energien liegen und inwiefern man diese – beispielsweise die Windenergie – für einen Betrieb von Zügen nutzbar machen könnte. Einig war man sich vor allem darüber, dass ein politischer Wille nötig ist, um technisch mögliche Lösungen auch wirtschaftlich umsetzen zu können. Zudem ist es für Innovationen in der Bahntechnik wichtig, dass die gesamte Prozesskette betrachtet wird und die verschiedenen Akteure Hand in Hand an Lösungen arbeiten. Hier können Sie das Protokoll zur Diskussionsrunde „Moderne Antriebstechnologien“ herunterladen.

Die dritte Diskussionsrunde widmete sich der „Kundenkommunikation“, geleitet wurde sie von Dennis Fiedel (NAH.AH) und Dr. Martin Kruse (IHK zu Kiel). Man stellte sich in der Runde die Frage, welche Kommunikation nötig ist, welche Technik dafür eingesetzt werden kann und was der Kunde in der Kommunikation für Bedürfnisse hat. Ziel soll es sein, den Fahrkomfort durch eine gute Kommunikation zu erhöhen. Bei der Kommunikation sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen und mit Informationen versorgt werden, die auditiv, visuell oder haptisch aufbereitet sein können – vom Ticketing bis hin zu Informationen über die Funktion der sanitären Einrichtung während der Fahrt. Predictive Maintenance war außerdem ein Thema – also Systeme, die von instandhaltungsrelevanten Daten lernen, die sie aus der Historie und ggf. in Echtzeit erhalten. So kann vorausschauend gewartet werden, die Ausfallquote und Folgeverspätungen durch doppelte Trassenbelegungen können vermindert werden. Aus der Runde ergab sich großes Interesse daran, miteinander zu kooperieren und weitere Partner für die Zusammenarbeit zu finden.

KiWi-Geschäftsführer Werner Kässens zeigte sich nach der 2. Konferenz Bahntechnik sehr zufrieden: „Die Konferenz Bahntechnik war ein voller Erfolg und ich bin mir sicher, dass wir die Potenziale der Branche in Kiel und ganz Schleswig-Holstein weiter heben können. Kiel ist mit seiner vielfältigen Unternehmenslandschaft in der Branche und mit dem geballten Wissen aus den Hochschulen ein exzellenter Standort für die Bahntechnik.“ Die Kieler Wirtschaftsförderung entwickelt gemeinsam mit der Landeshauptstadt Kiel das Areal „StrandOrt“ in Kiel Friedrichsort (weitere Informationen zur Fläche und den Entwicklungsvorhaben finden Sie hier). Das Gelände wird aufwendig modernisiert, hier wird künftig ein Zentrum der Bahntechnik und ein Ort der Innovation entstehen. Auch Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer betonte auf der Konferenz, dass dieses Projekt – der Ankauf eines zu revitalisierenden Grundstücks seitens der Stadt mit einem Investitionsvolumen in dieser Größenordnung – einmalig sei.

Unternehmen und Expert*innen, die sich aktiv an der Entwicklung der Bahntechnik in Schleswig-Holstein beteiligen und Themen vorantreiben möchten, sind herzlich eingeladen, dem Beirat Bahntechnik beizutreten. In regelmäßigen Runden wird der weitere „Fahrplan“ besprochen – die nächsten Termine sind Freitag, der 6. März 2020 und Freitag, der 29. Mai 2020.

Für Rückfragen und Anregungen steht Ihnen gern Frau Dr. Barbara Weig (0431.24 84 – 136  |  @email) zur Verfügung!

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